Gert Hatz: Der Münzfund vom Goting-Kliff/Föhr

Gert Hatz: Der Münzfund vom Goting-Kliff/Föhr. Mit einem Beitrag von Ernst Pernicka. Numismatische Studien 14 […], in: Offa. Berichte und Mitteilungen zur Urgeschichte, Frühgeschichte und Mittelalterarchäologie 57 (2000) [2002], S. 373f.

Rezension

Der Münzfund vom Goting-Kliff auf Föhr besteht aus 87 Münzen der ersten Hälfte des 8. Jahrhunderts, die zwischen 1976 und 1986 gefunden wurden. Darunter befinden sich neun merowingische Denare, die allgemein kaum jenseits der Grenzen des Merowingerreiches auftreten. Föhr ist eine der seltenen Ausnahmen und zugleich nördlichster Fundbeleg. Des weiteren enthält der Fund hauptsächlich Sceattas aus Northumbria und Friesland sowie eine karolingische Münze. Der Fund vom Goting-Kliff wurde in der Literatur zuvor schon häufig zitiert, seine Veröffentlichung war jedoch lange Zeit eines der vielen Desiderate der Mittelalternumismatik. Nachdem eine Auflistung der Fundmünzen bereits in dem Schleswig-Holstein betreffenden Band des Kataloges der „Fundmünzen der römischen Zeit in Deutschland“ (Komnick 1994, 165-167, Nr. 1109) erschienen war, legt Gert Hatz hiermit eine vollständige Bearbeitung und Interpretation des Fundes vor (S. 7-93). Seine Arbeit wird im zweiten Teil der vorliegenden Publikation von Ernst Pernicka um die Ergebnisse der Metallanalysen der Münzen ergänzt (S. 95-109).

Die Fundbearbeitung von Gert Hatz gliedert sich im wesentlichen in drei Teile: Fundkatalog, Fundauswertung und münzgeschichtlicher Hintergrund. Im Fundkatalog sind die Münzen aufgeführt, versehen mit Beschreibung, Literaturangaben, Nachweisen weiterer Funde des betreffenden Münztypen und Anmerkungen. Diese ungewöhnlich ausführliche Bearbeitung trägt dem Umstand Rechnung, daß sich die meist schriftlosen Münzen endgültigen zeitlichen und räumlichen Zuweisungen bisher entzogen haben. Sämtliche Münzen sind auf den Tafeln in Originalgröße und Vergrößerung (3:1) in hervorragender Qualität abgebildet, so daß sich die Beschreibungen mühelos nachvollziehen lassen.

Bei der Fundauswertung geht Hatz nach einer kurzen Auseinandersetzung mit dem Verhältnis von Denaren zu Sceattas der Herkunft und Datierung der Fundmünzen nach. Er kann dabei aufzeigen, daß „andeutungsweise“ immer noch die bedeutende alte Nord-Süd-Route des Handels im Merowingerreich vom Mittelmeer über Rhône, Saône und Maas in den friesischen Raum erkennbar ist, die Berghaus (1985, 209) anhand von Münzfunden im Reichsgebiet belegt hat. Die frühesten Münzen des Fundes vom Goting-Kliff wurden, so geht aus der ausführlichen Diskussion zu deren Datierung hervor, ab etwa 700 geprägt. Für die Schlußmünze des Fundes legt Hatz eine überzeugende Neuinterpretation vor, die ältere, noch aus dem 19. Jahrhundert stammende umständlichere Zuweisungen widerlegt. Er sieht in dem Stück mit Inschrift TRE / MIL eine Münze Bischof Milos von Trier (722-761) aus der Zeit um 755. Damit ist das Stück die älteste Karolingermünze, die laut Hatz bisher in Jütland gefunden wurde. Die Bildungszeit (Latitüde) des Fundes beträgt mithin rund 50 Jahre. Zwei besonders interessante Ergebnisse lassen sich der Zusammenstellung der technischen Daten der Münzen entnehmen: Zum einen weisen fast alle Münzen des Fundes Einschnitte auf, die wohl zur Metallkontrolle angebracht wurden. Zum anderen zeigen nur wenige Exemplare Stempelidentitäten. Dies wird allgemein so gedeutet, daß die Münzen nach dem Verlassen der Prägestätten einer stärkeren Zirkulation ausgesetzt waren, was wiederum auf den Grad der Monetarisierung in den Umlaufgebieten der Münzen schließen läßt.

Die Einordnung dieser Befunde in den münzgeschichtlichen Hintergrund nimmt Hatz im letzten Kapitel vor. In Nordfriesland fehlen weitere Funde mit vergleichbarer Zusammensetzung. Daher scheint es Hatz wahrscheinlich, daß die Münzen über den Friesenhandel aus Westfriesland importiert wurden. Dort sind mehrere Funde bekannt, die ebenfalls eine Mischung aus Denaren und Sceattas aufweisen. In Nordfriesland dagegen hat der Import westfriesischer Münzen eine lange Geschichte. Er setzt mit einzelnen, in der Tradition antiker Goldmünzen stehenden merowingischen Tremisses in der ersten Hälfte des 7. Jahrhunderts ein (u. a. Fund Alkersum auf Föhr). Nach dem in den Exportgebieten (Maastricht, Dorestad, Domburg, Inner-Friesland) erfolgten Wechsel von der Gold‑ zur Silberprägung (Pennies/Sceattas) treten diese Münzen im 8. Jahrhundert auch in Nordfriesland auf (v. a. Siedlungsfunde in Dankirke und Ribe). Weiter verbreiten sie sich über Haithabu bis nach Helgö im Norden, aber auch nach Osten (Groß Strömkendorf) weiter. Die spätere wikingerzeitliche Entwicklung des Geldwesens auf den nordfriesischen Inseln deutet Hatz nur noch an. Ein erwähnenswertes Beispiel für die Weiterexistenz des von ihm angenommenen Handelsweges wäre hier noch der bekannte Fund von List gewesen, den Wiechmann (1996, 149) als Geldbeutel eines Händlers ansieht, der auf der Fahrt von England nach Schleswig-Holstein entlang der Nordseeküste auch im ostfriesischen Gebiet einen „Zwischenhalt“ einlegte.

In einem Exkurs geht Hatz auf den zwischen Oxford und Stockholm geführten Streit ein, ob die sog. Wodan/Monster-Sceattas in Ribe geprägt sind. Als Argument wurde der Föhrer Fund (der keine Münzen dieses Typs enthält) von beiden Parteien angeführt; eine Möglichkeit zur Lösung der Frage scheint freilich auch die ausführliche Bearbeitung des Fundes durch Hatz nicht zu bieten.

Ernst Pernicka setzt sich in seinem Beitrag zunächst kritisch mit den gewählten Untersuchungsmethoden auseinander. Sie ermöglichen zwar eine zerstörungsfreie Analyse des Münzmetalls, sind jedoch recht ungenau. So ergeben sich etwa unterschiedliche Werte für Vorder‑ und Rückseite derselben Münze, da die energiedispersive Röntgenfluoreszenzanalyse nur Angaben zur Beschaffenheit der Münzoberfläche (bis etwa 50µm Tiefe) liefern kann. Dennoch sind die von Pernicka zusammengestellten repräsentativen Ergebnisse eine willkommene Bereicherung der bisher vorliegenden Metallanalysen merowingerzeitlicher Münzen.

Aus numismatischer Sicht ist der Fund vom Goting-Kliff durch die vorliegende Publikation vorbildlich der künftigen Forschung erschlossen worden. Eine nähere archäologische Einordnung in den Fundzusammenhang überläßt Hatz dagegen ausdrücklich „der lokalen Frühgeschichtsforschung“ (S. 57). Daher bleibt es dem Leser überlassen, sich anhand der Arbeit von Kersten und La Baume (1958) über die „zahlreichen archäologischen Funde im Küstenabschnitt“ (S. 7) zu orientieren. Die dort gemachten Angaben werden von dem bei Komnick (1994, 165) zitierten Fundbericht W. Bauchs bestätigt und deuten insgesamt darauf hin, daß der Fund einst in einer Siedlung in den Boden gelangte.

Hendrik Mäkeler

Literatur

Berghaus 1985: P. Berghaus, Wirtschaft, Handel und Verkehr der Merowingerzeit im Licht numismatischer Quellen. In: K. Düwel, H. Jankuhn, H. Siems u. D. Timpe (Hrsg.), Untersuchungen zu Handel und Verkehr der vor- und frühgeschichtlichen Zeit in Mittel- und Nordeuropa. 3 Der Handel des frühen Mittelalters. Abhandl. Akad. Wiss. Göttingen, Philol.-Hist. Kl., 3. F. Nr. 150 (Göttingen 1985) 193-213.

Kersten u. La Baume 1958: K. Kersten u. P. La Baume, Vorgeschichte der nordfriesischen Inseln. Vor- u. Frühgesch. Denkmäler u. Funde Schleswig-Holstein 4 (Neumünster 1958).

Komnick 1994: H. Komnick, Die Fundmünzen der römischen Zeit in Deutschland. 8 Schleswig-Holstein und Hamburg (Berlin 1994).

Wiechmann 1996: R. Wiechmann, Edelmetalldepots der Wikingerzeit in Schleswig-Holstein. Vom „Ringbrecher“ zur Münzwirtschaft. Offa-Bücher 77 (Neumünster 1996).

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