Hans-Ludwig Grabowski, Das Geld des Terrors. Geld und Geldersatz in deutschen Konzentrationslagern und Ghettos 1933 bis 1945

Hans-Ludwig Grabowski, Das Geld des Terrors. Geld und Geldersatz in deutschen Konzentrationslagern und Ghettos 1933 bis 1945. Dokumentation und Katalog basierend auf Belegen der zeitgeschichtlichen Sammlung Wolfgang Haney sowie aus weiteren Sammlungen und Archiven […], in: Bankhistorisches Archiv 36 (2010) 1, S. 98f.

Rezension

Geld eignet sich hervorragend auch als Zwangsmittel – eine Eigenschaft, deren Darstellung in den einschlägigen geldtheoretischen Handbüchern allerdings nicht eben zum Standardrepertoire gehört. Daher bleibt zumeist unberücksichtigt, daß sich über die Schaffung von Sonderwährungsräumen eine weitestgehende Kontrolle über die Zahlvorgänge der Bevölkerung erreichen läßt. Je kleiner dieser Sonderwährungsraum ausfällt, desto umfassendere ökonomische Zwangsmöglichkeiten ergeben sich.

Die extremste Form eines solchen Geldregimes entsteht bei eingeschränkter oder gänzlich fehlender Konvertibilität der Sonderwährung. Den Betroffenen fehlt die Möglichkeit zu ökonomischer Interaktion mit der Außenwelt. Ein Verlassen des engen Währungsraums wird stark dadurch erschwert, daß man das dort verdiente Geld außerhalb von dessen Grenzen nicht verwenden kann und andernorts somit mittellos ist. Auf diese Weise wird das Geldsystem zu einem Werkzeug des Terrors und der Unterdrückung.

Um einen solchen Fall handelt es sich bei dem Geld, das in den Konzentrationslagern und Ghettos des „Dritten Reichs“ ausgegeben wurde. Eine umfassende Dokumentation dieser Münzen und Geldscheine fehlte bislang; Hans-Ludwig Grabowski legt sie mit dem aktuellen Buch vor. Darin werden die Ausgaben von 17 Konzentrationslagern und sechs Ghettos verzeichnet und in Farbabbildungen vorgelegt. Ob die Darbietungsform dieser monetären Zeugnisse von Tod und Verfolgung angemessen ist, läßt sich allerdings gewiß kontrovers diskutieren, denn zu allen Objekten finden sich in diesem Zusammenhang sehr profan erscheinende Angaben der Sammlerpreise.

Materialgrundlage des Bandes ist die herausragende, durch Ausstellungen und Dokumentationen weithin bekannte Sammlung von Wolfgang Haney. Der Berliner hat seit 1990 zunächst das Geld und zunehmend auch weitere Objekte zusammengestellt, die von den Konzentrationslagern und Ghettos zeugen. Darüber hinaus umfaßt die Sammlung zahlreiche antisemitische Postkarten und Plakate. Wesentliche Ergänzungen hat der Verfasser dazu aus den Archiven der Gedenkstätten zusammengetragen.

Aus diesem ebenso reichen wie verstörenden Materialschatz kann die opulente Bebilderung des Bandes schöpfen. Es sind gerade die Zeugnisse des Alltagslebens in den Konzentrationslagern und Ghettos, die in ihrer oberflächlichen Normalität erschüttern. Beispielhaft genannt seien nur ein Auszahlungsschein der Kantinenverwaltung Dachau über 1.400 Reichsmark für Prämienscheine, die im Herbst 1943 eingeführt wurden (S. 66), die Geldkartei eines Polnischen Häftlings, auf der zahlreiche Einträge von Prämien und Kantineneinkäufen notiert sind (S. 70), oder eine Raucherkarte der Häftlingskantine in Auschwitz (S. 96).

Grabowski geht auch auf die Funktion von Geld in den Lagern ein. Als Quelle dafür dient ihm unter anderem eine Disziplinar- und Strafordnung aus Dachau von 1933, die Vorbildcharakter für entsprechende Regelungen in anderen Konzentrationslagern hatte. Darin wurde den Häftlingen unter anderem das Ansammeln von Geld verboten, während der Besitz von Bargeld bis zu einem bestimmten Betrag gestattet werden sollte. Mit der Einführung der Prämienscheine im Jahr 1943 wollte man die Auszahlung von Bargeld unterbinden, andererseits sind Grabowski noch Kassenanweisungen für Geldanforderungen vom Sommer 1944 aus Dachau bekannt. Der Verfasser fordert mit Recht eine genauere Untersuchung dieser widersprüchlichen Angaben (S. 145-149): Das bislang wenig erforschte Geld- und Zahlungssystem in den Konzentrationslagern bedarf dringend einer eingehenden Aufarbeitung.

Allerdings hätte in dieser Hinsicht mit dem vorliegenden Band mehr geleistet werden können, indem ein Historiker in dessen Bearbeitung eingebunden worden wäre. Stattdessen irritieren unnötige handwerkliche Schwächen: Neben gelegentlichen Sachfehlern ist etwa zu bemängeln, daß in dem Band durchgehend die Abkürzung „KL“ statt „KZ“ gebraucht wird und das Literaturverzeichnis alphabetisch nach dem Vornamen (!) des Verfassers angeordnet ist. Dennoch oder gerade deshalb macht die vorliegende Dokumentation der materiellen Überreste des Zahlungssystems in den Konzentrationslagern und Ghettos bedrückend eindringlich deutlich, daß weitere Untersuchungen zu diesem Thema reiche Erkenntnisse bringen dürften.

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