Hubert Emmerig: Der Freisinger Münzschatzfund und das Geldwesen in Bayern zur Karolingerzeit. Mit einer Auswertung des Freisinger Traditionsbuches als geldgeschichtlicher Quelle

Hubert Emmerig: Der Freisinger Münzschatzfund und das Geldwesen in Bayern zur Karolingerzeit. Mit einer Auswertung des Freisinger Traditionsbuches als geldgeschichtlicher Quelle, in: Ulrike Götz (Hrsg.): 38. Sammelblatt des Historischen Vereins Freising (2004) […], in: Geldgeschichtliche Nachrichten 40 (2005) 223, S. 156.

Rezension

Bei dem Münzschatzfund von Freising handelt es sich um den einzigen karolingerzeitlichen Depotfund aus dem bayerischen Raum. Nachdem der Fund 1938 bei Ausschachtungsarbeiten gemacht worden war, galt er der numismatischen Forschung bald als verloren und wurde erst 1998 zu großen Teilen im Stadtarchiv Freising wiederentdeckt. Hubert Emmerig hat im ersten Teil dieses umfänglichen Aufsatzes eine akribische Rekonstruktion der Fundgeschichte und der beteiligten Personen vorgelegt (S. 14-20). 33 von wenigstens 43 oder 44 Münzen sind im Maßstab 2:1 abgebildet (S. 31-36) und detailliert beschrieben (S. 25-30). Dabei handelt es sich um einen außergewöhnlich seltenen Denar des Erzbischofs Wulfred von Canterbury (805-832) und 32 Christiana-Religio-Denare Kaiser Ludwigs des Frommen (814-840), die mehrheitlich aus Italien stammen (S. 24). Die Verbergungszeit des Fundes läßt sich etwa auf die Jahre zwischen 825 und 840 eingrenzen (S. 25). Den beiden Münzsorten sind jeweils eingehendere Ausführungen gewidmet (S. 20-25), wobei erstmals zwei Christiana-Religio-Denare der Münzstätte Tours zugewiesen werden (S. 24 und 29 mit den Nrn. F 28-29). Außerdem hat der Verfasser den Fund in seinen historischen und archäologischen Zusammenhang gestellt (S. 11-14).

Der zweite Teil der Arbeit beschäftigt sich mit dem „Geld im karolingischen Bayern“ (S. 37-75). Zum Vergleich mit dem Depotfund von Freising zieht Hubert Emmerig darin Einzelfunde karolingischer Münzen und Schriftquellen heran. Nach einleitenden methodischen Überlegungen zum Verhältnis von Schatzfunden zu Einzelfunden und einem kurzen Blick auf die vorkarolingischen Münzen im bayerischen Raum folgen einige teils überraschende Beobachtungen zu den Fundplätzen der karolingerzeitlichen Einzelfunde: Sie stammen kaum mehr aus Grab- sondern eher aus Kirchenfunden, weshalb der Verfasser in diesen Fällen mit aller Vorsicht auf die Herkunft aus dem Besitz „einer hochgestellten Persönlichkeit aus der Kirche“ schließt (S. 39). Außerdem treten die Einzelfunde häufig in oder bei römerzeitlichen Stützpunkten auf, was möglicherweise neues Licht auf die Siedlungskontinuität dieser Orte wirft (S. 39f.). Insgesamt ist der bayerische Raum in der Karolingerzeit nach Ausweis der Einzelfunde vor allem mit Münzen aus italienischen Prägestätten versorgt worden. Die Aussage der Einzelfunde deckt sich somit mit der des Depotfundes von Freising (S. 44).

Das Freisinger Traditionsbuch, eine um 824 angelegte Handschrift, in die auf der Grundlage vorhandener Urkunden alle Rechtsgeschäfte eingetragen waren, die den Besitz der Grundherrschaft des dortigen Klosters betrafen, verzeichnet aus der Zeit von 744 bis zum Ende der Karolingerzeit 1046 Einträge. Dem Verfasser gelingt es, aus den 135 Einträgen des Traditionsbuches, die Geldnennungen enthalten, grundlegende geldgeschichtliche Erkenntnisse zu gewinnen. Zunächst weist er nach, daß der Begriff „pecunia“ beweglichen und unbeweglichen Besitz bezeichnet, womit allerdings auch Geld gemeint sein kann (S. 45f.). Die Poenformeln, die Strafandrohungen im Fall des Bruchs eines Rechtsgeschäfts enthalten, nennen enorme Geldbeträge, die zumeist in Gold festgesetzt, aber auch mit anderem Besitz zahlbar sind. Aufgrund ihrer Höhe bezeichnet der Verfasser die angeführten Beträge als „abstrakte Drohungen“ (S. 47-49). Den zahlreichen Geldzinsen, die im Traditionsbuch festgehalten sind, entnimmt Hubert Emmerig unter anderem die Information, daß ein Solidus im allgemeinen Verständnis auch in der Karolingerzeit noch eine Goldmünze war, die allerdings kaum zur Verfügung stand. Außerdem kann er das „Rechensystem für die Mehrfachen des Denars“ aus den Einträgen ableiten. Es wird deutlich, daß ein Solidus zu 30 Denaren gerechnet wurde, daß der Tremissis 10 Denare galt und die Saiga 3 Denare umfaßte Aufgrund der nicht unbedeutenden Anzahl von in Geldbeträgen fixierten Zinsen schließt der Verfasser darauf, daß „gewisse Teile der Bevölkerung über Münzgeld verfügten“ (S. 49-52). Zusammenfassend stellt er jedoch fest, daß Bayern in der Karolingerzeit von der Naturalwirtschaft geprägt war, was vor allem anhand des Vergleichs mit den römerzeitlichen Münzfunden deutlich wird (S. 52f.).

Der Aufsatz schließt mit einem Katalog der Funde karolingischer Münzen in Bayern und in Österreich, der zweigeteilt ist und in dem zunächst sämtliche Fundstücke chronologisch nach Typen und dann alphabetisch nach Fundorten aufgelistet sind (S. 53-67). Soweit verfügbar, finden sich schließlich Abbildungen aller einzeln gefundenen Münzen in doppelter Vergrößerung (S. 68-74).

Aufgrund der Sorgfalt, mit der der Fund von Freising aufgearbeitet wurde, und wegen der steten methodischen Reflexion des Vorgehens sowie der engen Verknüpfung mit historischen sowie archäologischen Erkenntnissen und Fragestellungen sollte diese Untersuchung Vorbild für künftige Fundpublikationen sein.

Hendrik Mäkeler

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