Jørgen Steen Jensen: Christian Jürgensen Thomsen og Jakob Reichel – en numismatisk brevveksling mellem København og Sankt Petersborg 1821-1855

Jørgen Steen Jensen: Christian Jürgensen Thomsen og Jakob Reichel – en numismatisk brevveksling mellem København og Sankt Petersborg 1821-1855 […], in: Geldgeschichtliche Nachrichten 37 (2002) 210, S. 265f.

Rezension

Der dänische Archäologe, Ethnologe und Numismatiker Christian Jürgensen Thomsen (1788-1865) ist vor allem als Begründer des sogenannten „Dreiperiodensystems“ bekannt: Er erkannte als erster die zeitliche Abfolge von Stein-, Bronze- und Eisenzeit. Diese wegweisende Entdeckung publizierte Thomsen 1836 in einer seiner wenigen Veröffentlichungen („Ledetraad til Nordisk Oldkyndighed“). Aufgrund einer Liste von 1818 und seines umfangreichen Briefwechsels wissen wir allerdings, daß Thomsen bereits Jahre zuvor das Dreiperiodensystem entwickelt hatte.

Die Briefe Thomsens sind ebenfalls eine wichtige Quelle für seine Beschäftigung mit der Numismatik. Er hielt über den Ostseeraum hinweg u.a. Kontakt zu Hermann Grote (Hannover), Hermann Dannenberg (Berlin), Bror Emil Hildebrand (Stockholm) und eben Jakob Reichel (1778-1856) in St. Petersburg. Letzterer ist dort seit 1802 als Medailleur belegt; ab 1818 leitete er bis zu seinem Tod die typographische Abteilung der russischen Assignatenbank. Er stieg rasch auf und wurde 1843 schließlich wirklicher Staatsrat. Vor 1820 begann Reichel Münzen zu sammeln und seit den 1840er Jahren seine zu diesem Zeitpunkt gut 25.000 Stücke umfassende Sammlung in neun Katalogbänden zu veröffentlichen. Noch zu seinen Lebzeiten erwarb der russische Zar Reichels Rußlandsammlung; nach dessen Tod folgten die übrigen inzwischen knapp 42.000 Münzen in die Sammlung der Eremitage, wo sie bereits 1857 vollständig ausgestellt wurden.[1]

Jørgen Steen Jensen hat nun den ersten Teil des Briefwechsels zwischen Thomsen und Reichel herausgegeben und mit einem einleitenden Kommentar versehen. Die in den Briefen angeführten Personen und Literaturangaben sind in den Fußnoten erläutert. Außerdem ist jedem Brief ein Kurzregest beigegeben. Im Gegensatz zu dem Kommentar in dänischer Sprache sind sämtliche Briefe auf Deutsch geschrieben. Auch wenn besonders Thomsen einige grammatikalische Fehler unterlaufen sind, fällt die Lektüre des Gedankenaustauschs über Münzen somit nicht schwer. Fast immer drehen sich die Briefe um Münztausch oder Kommissionen, die Thomsen für Reichel auf Kopenhagener Auktionen wahrnahm. Dadurch entpuppt sich Thomsen, Museumsdirektor und Leiter der königlichen Münzsammlung in Kopenhagen, auch als wichtige Drehscheibe des Münzhandels. Die Interessengebiete der beiden waren jedoch nahezu grundverschieden: Thomsen zeigte sich vor allem an Goldbrakteaten und Mittelaltermünzen interessiert (S. 419 u.a.). Reichel dagegen bevorzugte Münzen ab etwa 1450/1500 und urteilte: „Ein schlechtes Exemplar in meiner Sammlung ist wie ein wahrer Dorn in meinem Auge“ (S. 442), worauf Thomsen diese Sammelweise etwas verstimmt als „Leckermaulerei“ abkanzelte (S. 445). Neben einigen Bemerkungen Thomsens, die wissenschaftsgeschichtlich außerordentlich aufschlußreich sind (etwa über die skandinavisch-russischen Kontakte während des 4.-13. Jahrhunderts [S. 441], die Errichtung seines Museums in Kopenhagen [S. 431] und den Wertverlust von Papiergeld im Kriegsfall [S. 457]), verdienen ebenfalls die vielen praktischen Details aus dem früheren Sammlerleben Beachtung. Große Schwierigkeiten bereitete insbesondere der sichere Versand der Münzen, der nicht selten via Stockholm mit der diplomatischen Post abgewickelt wurde. Im Winter war dies wegen Eisgangs allerdings nicht möglich. Aufgrund einer Choleraepidemie versuchte man 1831 in St. Petersburg, die Briefe mittels Durchstechen und Räuchern zu desinfizieren (S. 458). Auch der russisch-polnische Krieg 1831 hinderte den Briefverkehr. Im Zusammenhang mit den allgemein unruhigen Zeiten schrieb Thomsen: „Ich begreife dass es nicht Zeiten ist um sich im algemeinen mit wissenschaftliche Sachen abzugeben“ (S. 453).

Selbst wenn man sich nicht Thomsens Ansicht anschließt, der meinte „Da ich Kenntniss höher als Besitz schätze, entbehre ich lieber eine seltene Münze als ein gutes Buch.“ (S. 472), sollte man die Anschaffung dieses amüsanten und lehrreichen Briefwechsels doch ernsthaft in Erwägung ziehen. Auf den abschließenden zweiten Teil (in dem man sich zusätzlich zu der sorgfältigen Edition vielleicht noch ein Register wünschen möchte) darf man gespannt sein.

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  1. Jørgen Steen Jensen hat gemeinsam mit Tatyana Smekalova kürzlich erstmals eine ausführlichere neue Darstellung zum Leben Reichels in der Festschrift für Ian Wiséhn veröffentlicht, der diese kurzen Angaben vor allem folgen: Jakob Reichel i Skt. Petersborg – en skitse af en matador blandt møntsamlerne, in: Harald Nilsson (Red.): Nulla dies sine linea (Numismatiska meddelanden 41), Stockholm 2001, S. 153-166. []