Peter Berghaus (1919-2012)

Hendrik Mäkeler: Peter Berghaus (1919-2012), in: Secrétariat du Conseil International de Numismatique (Hrsg.): Compte rendu 59 (2012), S. 78-82.

Peter Berghaus (1919-2012)
Peter Berghaus während des Freundschafts- und wissenschaftlichen Arbeitstreffens der Koninklijk Genootschap voor Munt- en Penningkunde und des Vereins der Münzfreunde für Westfalen und Nachbargebiete am 11. September 2004

Am 16. November 2012 ist mit Peter Berghaus „one of the most eminent numismatists of this century“ (so Philip Grierson 1986 im ersten Band der „Medieval European Coinage“) in Münster verstorben. Peter Berghaus hatte zahlreiche Freunde in aller Welt und war durch seine Arbeiten zu den verschiedensten Gebieten der Numismatik weithin wohlbekannt, wozu von 1973 bis 1986 auch seine Mitgliedschaft im Vorstand der Internationalen Numismatischen Kommission beitrug, deren Vizepräsidentschaft er 1979 übernahm.

Berghaus wurde am 20. November 1919 in Hamburg geboren und besuchte dort das Johanneum, das älteste Gymnasium der Stadt, das bereits 1529 von Johannes Bugenhagen gegründet worden war. Seine altsprachlich-humanistische Grundbildung erhielt Peter Berghaus an dieser Schule; Latein und Altgriechisch beherrschte und rezitierte er bis ins hohe Alter. Seinerzeit weniger opportun waren Studien des Hebräischen, denen er sich heimlich widmete. Wie die meisten jungen Männer seiner Generation wurde Peter Berghaus zur Reichswehr eingezogen und während des Zweiten Weltkriegs in verschiedenen Ländern eingesetzt. Nach den schrecklichen Kriegserfahrungen, die Europa und die Welt mit Deutschland machen mussten, berührte es ihn besonders, dass die Mitglieder der Koninklijk Nederlands Genootschap voor Munt- en Penningkunde sich so freundschaftlich der von ihm initiierten Zusammenarbeit mit den Münzfreunden für Westfalen und Nachbargebiete widmeten – und dass er, nachdem er als Soldat in einem griechischen Dorf mit seinen Altgriechischkenntnissen hatte dolmetschen müssen, Jahrzehnte nach dem Krieg dort wiedererkannt und auf das herzlichste empfangen wurde.

Bereits in seiner Jugend hatte Peter Berghaus begonnen, Münzen vor allem des Mittelalters zu sammeln. Durch eine Begegnung mit Walter Hävernick wurde sein Weg in die Berufsnumismatik bereitet, den er nach dem Zweiten Weltkrieg mit dem Studium der Geschichte, Volkskunde und Kunstgeschichte in Hamburg einschlug, wohin es Hävernick aus Gotha verschlagen hatte. In seiner 1951 erschienenen Dissertation, die von Hävernick und Hermann Aubin betreut wurde, widmete Peter Berghaus sich den spätmittelalterlichen Währungsgrenzen im westfälischen Oberwesergebiet. Die Arbeit ist als erster Band der „Numismatischen Studien“ erschienen und begründete damit die Hamburger Schule der Numismatik. Der Text liest sich noch heute überaus anregend. Unter anderem warnte Berghaus darin vor der Verwendung von Regestenwerken, die für numismatische Arbeiten gemeinhin unbrauchbar seien; er kennzeichnete das sogenannte Greshamsche Gesetz als nur bedingt zutreffend, stellte Geldwertveränderungen als Auslöser für den Wandel bzw. Zerfall von Währungsräumen heraus und kam schließlich zu dem Ergebnis, daß die untersuchten Währungsgrenzen keinesfalls mit territorialen Grenzen, sondern vielmehr mit natürlichen Landschaftsgrenzen korrelierten.

Zu einer entsprechenden Erkenntnis gelangte später Robert Mundell, in dessen 1961 veröffentlichter Theorie optimaler Währungsräume es heißt: „The optimum currency area is the region.“ Für seine diesbezüglichen Forschungen erhielt Mundell im Übrigen 1999 den Wirtschaftsnobelpreis. Dem Nobelkomittee war die ein Jahrzehnt ältere Hamburger Dissertation offensichtlich unbekannt geblieben. An Peter Berghaus kann das nicht gelegen haben, denn der pflegte seit 1949 immer auch enge Kontakte nach Schweden – und sprach alsbald ganz selbstredend fließend die Landessprache. Zu deren Erlernen empfahl er die Lektüre der dortigen Kriminalliteratur, und das lange bevor Autoren wie Henning Mankell auch im Ausland Bekanntheit erlangten.

In Schweden war Berghaus maßgeblich an der Bearbeitung der Münzfunde der Wikingerzeit beteiligt, die bekanntermaßen reich an deutschen Fundmünzen sind. Aus deutscher Sicht formulierte Peter Berghaus 1968 in einem Beitrag zu den ältesten Münzen Münsters in schwedischen Funden verschiedene noch immer wichtige Fragen zu diesen Edelmetalldepots: „Ist die Verbreitung der Münzen einer deutschen Münzstätte des 10. und 11. Jahrhunderts in den Funden der Wikingerzeit tatsächlich ein getreues Spiegelbild der Prägestärke? Lassen sich die Fundzahlen statistisch auswerten? Haben wir von 980 bis 1130 mit einem gleichmäßigen Abfließen der Münzen einer Münzstätte zum Ostseegebiet zu rechnen? Oder gab es keine feste Relation zwischen Münzprägung und Münzexport?“

Sein weiterer Berufsweg führte Peter Berghaus jedoch nach Westfalen, wo er seit 1950 in Münster das Münzkabinett im Landesmuseum für Kunst und Kulturgeschichte leitete, dessen Museumsdirektor er 1977 wurde. Wenig hat ihn in dieser arbeitsreichen Zeit bis zu seiner Pensionierung 1984 mehr irritiert als die ihm bisweilen widerfahrene Behandlung als Vertreter eines vermeintlich unbedeutenden Nischenfachs, zumal ihm selbst derartige Allüren gegenüber anderen Menschen gleich welcher Berufsgruppen grundfremd waren.

Wie sein Schriftenverzeichnis ausweist, waren die Jahrzehnte in Münster für Peter Berghaus eine außerordentlich produktive Zeit. Eine auch nur annähernd vollständige Würdigung seiner Werke ist in diesem Rahmen nicht möglich. Verwiesen sei lediglich auf einige wenige Arbeiten, die besondere methodische Bedeutung für die Numismatik haben. Als am meisten unterschätzt bezeichnete Berghaus selbst darunter den Beitrag „Aufgaben und Methoden der landschaftlichen Münzfundstatistik am Beispiel Westfalen“, der als Vortrag auf dem Deutschen Numismatikertag 1951 veröffentlicht wurde. Es geht darin um Quellen zu Münzfunden sowie um Münzfunde als Quellen für Münz- und Geldgeschichte, Handelsgeschichte, Archäologie und Volkskunde. Mithin wird die Verankerung dessen, was man analog zur archäologischen Landesaufnahme als ‚numismatische Landesaufnahme’ bezeichnen könnte, über die Numismatik hinaus in den Nachbarwissenschaften als ein wesentliches Anliegen des Beitrags deutlich. Berghaus ist es dabei nicht zuletzt um die Befragung der Bevölkerung „als eine unumgängliche Quelle“ zu tun. Hierbei zeigte sich wiederum seine sympathische Art, auf Menschen zuzugehen, eine Eigenschaft, die er in der Numismatik allgemein nutzbar gemacht sehen wollte.

Des Weiteren ist Peter Berghaus die Einführung der Stempelvergleichenden Methode in die deutsche Mittelalternumismatik zu verdanken. Der Ansatz lässt sich von der Entdeckung der Methode für die antike Numismatik durch Friedrich Imhoof-Blumer über Kurt Regling und Willy Schwabacher bis hin zu Peter Berghaus verfolgen, der Schwabacher in Stockholm kennenlernte und von diesem davon überzeugt wurde, dass die Stempelvergleichende Methode „aller zukünftigen numismatisch-archäologischen Arbeit Vorbild sein muß“ (so Schwabacher 1924 in seiner Dissertation). Den ersten Versuch zur Umsetzung dieser Forderung machte Berghaus mit seinem Beitrag „Zur Anwendung der stempelvergleichenden Methode bei deutschen Münzen aus wikingerzeitlichen Schatzfunden“, der 1967 in der Schwabacher-Festschrift erschien.

Mit seinem Beitrag „Phasen und Schwankungen des Exports deutscher Münzen des 10. und 11. Jahrhunderts in das Ostseegebiet am Beispiel Duisburg“ zum Berliner Dannenberg-Kolloquium von 1990, der 1993 im Druck vorgelegt wurde, führte Peter Berghaus den stempelvergleichenden Ansatz konsequent weiter, indem er die Methode zur Beantwortung seiner bereits 1968 aufgeworfenen Fragen zu den wikingerzeitlichen Edelmetalldepots einsetzte. Dazu errechnete er auf der Basis der bis zu diesem Zeitpunkt stempelkritisch bearbeiteten Münzserien den Ausfuhranteil der Münztypen und sprach dabei von einem „Ausfuhrquotienten“.

Neben der Mittelalternumismatik und dem westfälischen Münzwesen galt das besondere Interesse von Peter Berghaus nicht zuletzt der Wissenschaftsgeschichte der Numismatik. Dieses Interesse manifestierte sich in einer umfangreichen Sammlung von graphischen Portraits, die 2004 von den Staatlichen Museen zu Berlin erworben werden konnten, und in deren Auswertung im Rahmen einer 50 Teile umfassenden Beitragsreihe „Numismatiker im Porträt“, die in den Geldgeschichtlichen Nachrichten erschien.

Am Rande zahlreicher Reisen, während derer er in erster Linie humanitäre Hilfsprojekte verfolgte, widmete Peter Berghaus sich zudem den Funden römischer Münzen in Indien und war dadurch wesentlich an der Erschließung dieses Bereichs für die westliche Numismatik beteiligt. Das von ihm zusammengestellte Material hat Berghaus an Reinhard Wolters übergeben. Bei weitem nicht nur an diesem Beispiel wird deutlich, dass Peter Berghaus stets großzügig und uneigennützig sein Wissen und seine Materialkenntnisse an Schüler und Kollegen weitergegeben hat. Dies geschah in besonderem Maße während zahlreicher Lehrveranstaltungen am Historischen Seminar der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster, wo Berghaus seit 1955 Lehrbeauftragter und seit 1961 Honorar-Professor für Numismatik war. Auf diese Weise bildete sich ein umfangreicher Schülerkreis, der heute an Universitäten, Museen und im Münzhandel tätig oder als Sammler der Numismatik verbunden ist – eine anregende Kombination, die Peter Berghaus über seine Lebensstationen hinweg selbst vorgelebt hat. Seinen zahlreichen Freunden bleibt er immer als hilfsbereiter und liebenswürdiger Mensch in Erinnerung, der Fachwelt darüber hinaus durch seine wissenschaftlichen Arbeiten, die auch in Zukunft neue Untersuchungen anregen werden.

Grundlegende Aufsätze und die Bibliographie von Peter Berghaus sind in dessen Festschrift von 1999 zusammengestellt.

Peter Berghaus: Denar – Sterling – Goldgulden. Ausgewählte Schriften zur Numismatik, hrsg. von Gert Hatz, Peter Ilisch und Bernd Kluge, Osnabrück 1999.

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