Hendrik Mäkeler: Wozu eigentlich ein Universitätsmünzkabinett?, i: Karin Gille-Linne, Susanne Ude-Koeller och Gabriele G. Weis (utg.): Dinge des Wissens. Die Sammlungen, Museen und Gärten der Universität Göttingen, Göttingen 2012, s. 97-105.
'Aristoteles'
Instabiles Geld setzt den Zusammenhalt der Bevölkerung aufs Spiel, gästbidrag i: Fazit. Das Wirtschaftsblog, 12 december 2011.
Text
Dann und wann scheint es an der Zeit zu sein, die elementarsten Voraussetzungen für die Funktionalität unseres Währungssystems in Erinnerung zu rufen. Denn wer die Diskussion über die Euro-Rettung über längere Zeit verfolgt hat, mag fast am eigenen Verstand zweifeln: Die zahlreichen, völlig konträren Lösungsansätze sind in sich vielfach schlüssig begründet.
Helmut Schmidt etwa sagte am 4. Dezember auf dem Bundesparteitag der SPD in Berlin: „Alles Gerede und Geschreibe über eine angebliche Krise des Euro ist in Wirklichkeit leichtfertiges Geschwätz von Medien, [...] von Journalisten, und leichtfertiges Geschwätz von Politikern.” Im Feuilleton von F.A.Z. und F.A.S. vertraten unlängst der amerikanische Wirtschaftswissenschaftler Michael Hudson und die deutsche Linkspolitikerin Sahra Wagenknecht einmal mehr die Meinung, die Europäische Zentralbank (EZB) müsse direkt oder indirekt über eine Banklizenz der EFSF die Finanzmärkte mit Geld fluten.
Aber kann die EZB die Krise lösen, indem sie Geld druckt, wie Hudson und Wagenknecht es fordern? Oder sind die Vertreter der gegenteiligen Meinung im Recht? Haben wir es mit einer Krise des Euro zu tun, oder ist das nicht der Fall, wie Schmidt behauptet?
Die Antwort auf diese Fragen findet, wer darüber nachdenkt, was Geld ist und welchen gesellschaftlichen Zweck es zu erfüllen hat. Derartige Gedanken hat man sich vermutlich bereits gemacht, als das Münzgeld im 7. Jahrhundert vor Christus in Kleinasien erfunden wurde. Der Name des dortigen Königs ist seither sprichwörtlich mit Reichtum verknüpft: Er war nicht nur ein Krösus, sondern er hieß auch so.
Aus der Zeit des Krösus oder seiner Vorgänger, die das Münzgeld erfanden, sind allerdings noch keine theoretischen Überlegungen überliefert, die uns Nachgeborenen erklären würden, warum man die ersten Münzen prägte. Erst aus dem 4. Jahrhundert vor Christus ist eine solche Erläuterung bekannt: Aristoteles fragt in der Nikomachischen Ethik unter anderem danach, wie sich Gerechtigkeit in der Gesellschaft herstellen lässt. In diesem Rahmen behandelt er auch das Geld.
Aristoteles geht davon aus, dass Menschen keine amorphe Masse bilden, sondern dass sie individuell unterschiedliche Interessen und Fähigkeiten haben. Diesen Interessen nachzugehen und ihre Fähigkeiten auszuüben, wird den Menschen allerdings nur dadurch möglich, dass sie Gemeinschaften bilden, innerhalb derer sie ihre unterschiedlichen Waren und Dienstleistungen austauschen können. So erhält der Ingenieur sein Brot und der Bäcker ein Dach über dem Kopf.
Das Problem ist, dass der Wert eines Hauses gemessen und zu demjenigen eines Brotes in Beziehung gesetzt werden muss, um einen gerechten Austausch vornehmen zu können. Diese Funktion leistet das Geld, indem es in Form unterschiedlicher Nominale selbst kleinste und größte Werte messbar, vergleichbar und somit austauschbar macht.
Dabei ist es Aristoteles besonders um die Austauschgerechtigkeit zu tun: Lässt sich durch das Geld keine Gerechtigkeit beim Austausch von Waren und Dienstleistungen mehr herstellen, dann werden Arbeitsteilung und Handel für die Menschen unvorteilhaft. Sie kehren infolgedessen zur Selbstversorgung zurück, und die Gemeinschaft löst sich auf.
Die Argumentation ist bis hierhin von zwingender Logik. Aristoteles leitet im folgenden allerdings Geld (nomisma) etymologisch von Gesetz (nomos) ab und stellt fest, dass es per Gesetz seinen Wert erlange und demgemäß auch durch das Gesetz seinen Wert verlieren könne. Demgemäß betrachteten die Herrscher in der Antike und während weiter Teile des Mittelalters das Bargeld als ihren Besitz, den sie beliebig entwerten konnten. Dem liegt die damalige Vorstellung zugrunde, dass der Herrscher Quell des Rechts war, das dem Geld erst seinen Wert einhauchte. So oder ähnlich mag Aristoteles das auch seinem wohl bekanntesten Schüler, Alexander dem Großen, beigebracht haben. Alexander ließ seinen Namen daher im Genitiv auf seine Münzen prägen, die somit diejenigen „des Alexander” waren.
Diese Sichtweise widerspricht eklatant der vorherigen Argumentationskette: Wenn etwa das für ein Brot gezahlte Geld per Gesetz über Nacht wertlos wird, dann ist damit auch das dem Gelderwerb zugrundeliegende Handelsgeschäft nachträglich ungerecht geworden. Das Geld kann seine ebenfalls von Aristoteles beschriebene Funktion als Wertaufbewahrungsmittel nicht erfüllen.
Diesen logischen Bruch konnten freilich erst diejenigen Gelehrten des Mittelalters überwinden, die seit dem 13. Jahrhundert die Werke des Aristoteles wiederentdeckten und kommentierten. Am bekanntesten unter ihnen ist Nicolas Oresme, ein französischer Bischof. In seiner Abhandlung über Geldwertveränderungen (Tractatus de mutatione monetarum) vertrat er die Ansicht, dass das Geld der Allgemeinheit gehöre, da sie durch ihre Arbeit den Besitz daran erworben habe. Ohne die Zustimmung der Menschen dürfe der Wert des Geldes demgemäß nicht einfach weginflationiert werden.
Diese Erkenntnis der Geldtheorie wird ein Schüler, der während seiner Sommerferien gearbeitet hat, um etwa mit dem Ersparten ein Rad zu kaufen, sicher ebenso zu schätzen wissen wie ein Rentner, der einen großen Teil seines Lebens gearbeitet und somit gegen Geld eingetauscht hat, das ihm den Lebensabend finanzieren soll. Denn beides ist nur möglich, wenn das erarbeitete Geld in seinem Wert stabil bleibt.
Allerdings hatte Oresme noch ein weiteres Problem zu lösen: Die Herrschaftsausgaben waren bis dato durch Inflation finanziert worden. Oresme konzedierte den Herrschern auch weiterhin Einkünfte, die ihrem Rang angemessen waren. Um die notwendigen Mittel aufzubringen, sollten fortan Steuern erhoben werden, was man allgemein als gerechter empfand als die Monetisierung herrschaftlicher Schulden.
In den nachfolgenden Jahrhunderten ging die Erinnerung an diese allmählich, teilweise erst mit gewaltsamen Volksaufständen durchgesetzte Lösung allerdings wieder verloren. Staatsausgaben wurden nicht nur durch Steuern, sondern bisweilen erneut zusätzlich über Inflation finanziert. Dies ändert aber nichts daran, daß eine solche Finanzierungsweise eklatant gegen rationalere und gerechtere Lösungen verstößt, die zu entwickeln die Menschheit fast zwei Jahrtausende gebraucht hat.
Wer dieses historische Orientierungswissen hat, kann leicht zwischen nachhaltigen und nicht zukunftsfähigen Lösungsansätzen für die gegenwärtige Krise unterscheiden:
Sobald eine Zentralbank einspringt, um Staatsschulden zu finanzieren, verwandelt sie eine Schuldenkrise in eine Währungskrise und begibt sich damit gerade auf jenen Irrweg, den man im späten Mittelalter überwunden hatte. Wenn Helmut Schmidt dennoch behauptet, es gebe keine Krise des Euro, dann irrt er daher, leider. Der Altbundeskanzler müsste es eigentlich besser wissen, hat er doch selbst diejenigen beiden Epochen in der deutschen Geschichte miterlebt, in denen die Reichsbank in großem Ausmaß den Staat finanzierte – mit den bekannten Folgen in Form der Hyperinflation 1923 und der zurückgestauten Inflation des „Dritten Reichs”, die sich nach dessen Untergang ihre Bahn brach.
Mit dem umfangreichen Ankauf von Staatsanleihen stellt sich die EZB mithin in eine ungute Tradition. Sie setzt paradoxerweise den Wert der Währung (und damit den Zusammenhalt der Bevölkerung) aufs Spiel, um den Euro-Währungsraum in seiner Gesamtheit zu bewahren.
Der Rückblick auf die Argumente des Aristoteles verdeutlicht aber auch, dass es nicht zulässig ist, die EZB die Schuldenkrise auf dem Umweg über den mit einer Banklizenz ausgestatteten Rettungsfonds EFSF zu finanzieren.
An der Beachtung dieser Grundlagen müssen sich die aktuellen Lösungsansätze messen lassen, egal von welcher Seite sie kommen. Wirtschaftswissenschaftler, darunter insbesondere amerikanische Nobelpreisträger, Europa- und Finanzpolitiker, nicht zuletzt deutsche Ex-Kanzler und Ex-Kommunisten, sollten das nicht unbeachtet lassen. Die Stammtische sind ihnen in dieser Hinsicht nicht selten weit voraus, indem sie schon länger eine aristotelische Grundfrage aufgreifen: diejenige der Gerechtigkeit.
Bernhard Löffler (Hrsg.), Die kulturelle Seite der Währung (Historische Zeitschrift, Beiheft 50) […], i: Bankhistorisches Archiv 37 (2011) 1, s. 97-100.
Recension
Der Zustand des europäischen Währungswesens erscheint im Augenblick der Niederschrift dieser Besprechung dramatisch. Immer mehr und immer größere Rettungsschirme müssen aufgespannt werden, um die leeren Kassen europäischer Staaten vor der Gewitterwolke zu schützen, die der internationale Finanzmarkt derzeit über dem Euroraum hat aufziehen lassen. Ursache des Wetterleuchtens ist die fehlende Haushaltsdisziplin; als deren Konsequenz befürchtet man schlimmstenfalls die Auflösung des Euroraums.
Angesichts sich stetig überschlagender Nachrichtenmeldungen ist es angebracht innezuhalten, die Problematik im größeren historischen Rahmen zu betrachten und auf das Orientierungswissen zurückzugreifen, das die geld- und bankhistorische Forschung bereitstellt. Nur so lassen sich überzeugende, langfristig tragbare Problemlösungen erarbeiten. Es erweist sich dabei als Glücksfall, daß mit dem Sammelband „Die kulturelle Seite der Währung“, der auf eine Sektion des Konstanzer Historikertages von 2006 zurückgeht, gerade im rechten Augenblick ein überaus tiefschürfendes und anregendes Kompendium veröffentlicht wurde, anhand dessen sich die unterschiedlichen Traditionen der Währungsstabilität in ausgewählten europäischen Ländern verfolgen lassen.
Bernhard Löffler leitet den Band ein, indem er zunächst den Ansatz erörtert, Währungsgeschichte als Kulturgeschichte zu verstehen, und diesen Zugang sodann im Rahmen der Theorien Schumpeters, Webers, Simmels und Blumenbergs verortet. Zugleich macht er auf die Wurzeln dieser Herangehensweise im Umfeld der Wirtschaftsstil- und Wirtschaftskulturforschung aufmerksam. Das wesentlichste Argument für die zentrale Bedeutung der Fragestellung stellt jedoch die Einsicht dar, daß die Existenz oder Schaffung einer Stabilitätskultur unabdingbar für den Erfolg von Papiergeldsystemen ist (S. 12) – so daß Finanzzentren zu (ökonomischen) „Erinnerungsorten“ werden (S. 16). Im Anschluß an diese grundlegenden Überlegungen werden die weiteren Beiträge des Sammelbandes zusammengefaßt.
Der folgende Aufsatz von Bernd Hayo geht „Inflationseinstellungen, Zentralbankunabhängigkeit und Inflation“ aus wirtschaftstheoretischer Sicht nach (S. 37-62). Die Frage, ob „die Unabhängigkeit der Zentralbank der entscheidende Grund für die Sicherung niedriger Inflationsraten“ sei oder ob „Staaten, deren Bevölkerung Preisstabilität als wichtig ansieht, ihre Zentralbanken zur Erreichung dieses Ziels als unabhängig konzipiert“ haben (S. 41), erinnert dabei allerdings ein wenig an das Henne-Ei-Problem. Was Deutschland anbetrifft, wurde dieser gordische Knoten im übrigen zweimal, 1922 und 1948, durch die Alliierten zerschlagen, indem sie von außen eine unabhängige Zentralbank durchsetzten.
Dies zeigt (S. 80f.) Dieter Lindenlaub in seinem lesenswerten Beitrag über „Deutsches Stabilitätsbewußtsein“ (S. 63-100), durch den im übrigen die theoretischen Überlegungen Hayos verschiedentlich anhand historischer, man ist geradezu geneigt zu sagen: praktischer, Beispiele ergänzt und teilweise zurechtgerückt werden. Ein anderes Beispiel dafür, daß sich beide Beiträge hervorragend ergänzen, stellt Hayos Hypothese dar, die Unabhängigkeit der Zentralbank sei nicht hinreichend zur Gewährleistung niedriger Inflationsraten, „solange kein öffentlicher Konsens über das Ziel der Preisstabilität besteht“ (S. 45). Kehrt man diesen Ansatz um, muß man allerdings feststellen, daß öffentlicher Konsens zur Erreichung dieses Ziels eben auch nicht hinreicht. Das bleibt bei Hayo unerwähnt, findet bei Lindenlaub aber anhand der 1922 und 1923 von der (im übrigen nur de jure unabhängigen, da de facto an die allgemeinen politischen Ziele angepaßten) Reichsbank zur Finanzierung der Reparationen betriebenen Inflationspolitik Beachtung (S. 87f.).
Davon abgesehen, verdient je eine Schlußfolgerung Hayos und Lindenlaubs besondere Beachtung: Hayo hält fest, daß die jeweiligen Währungskulturen in den verschiedenen Ländern „eine entscheidende Erklärung für die Unterschiede in den nationalen Inflationsraten“ biete (S. 47). Diese Erkenntnis ist wichtig, da sie eine dringend notwendige kulturgeschichtliche Korrektur der bisher weitgehend wirtschaftswissenschaftlich dominierten Diskussion der Inflationsraten darstellt. Dieser Ansatz wird gewiß einigen Diskussionsbedarf nach sich ziehen.
Weit mehr politischen Sprengstoff enthält Lindenlaubs allerdings nur vorsichtig formulierte Möglichkeit, „die gesetzliche Unabhängigkeit der Zentralbank“ sei schlimmstenfalls auch „nötig, um Stabilitätspolitik gegen eine Koalition von Regierung und öffentlicher Meinung durchzusetzen“ (S. 90). Dies verdiente noch deutlicher vorgetragen und offensiver vertreten zu werden.
Olivier Feiertag stellt anschließend „La culture monétaire française au XXe siècle“ als wesentliche Grundlage einer overdraft economy dar (S. 101-121). Im Gegensatz zu Lindenlaub, der auf eine große Mehrheit der Deutschen verweisen kann, die Geldwertstabilität steigenden Löhnen vorzogen (S. 67f. mit Anm. 12), erkennt Feiertag in Frankreich „l’opposition entre l’État et le marché“, die unter anderem eine lang anhaltende negative Grundeinstellung zum Geld zur Folge hatte: „La spécificité française réside davantage dans la longévité de ces représentations négatives de la monnaie qui ont perduré grosso modo tout au long du XXe siècle […]“ (S. 120).
Bernhard Löffler untersucht daran anknüpfend „Argumentationsmuster, Diskursstrategien und politische Symbolik in den deutsch-französischen Debatten um die Einführung des Euro“ (S. 123-168). Wesentlichster Unterschied war dabei wohl die in Deutschland vorherrschende Kultur der unpolitischen Expertengremien (S. 133-135) gegenüber der französischen Vorstellung, daß die Währung sich der Politik anzupassen habe (S. 155-159). Weite Teile des Beitrags beziehen sich dabei auf die in ihren Wirkungszusammenhängen noch nicht abgeschlossene Gegenwart. Die historische Darstellung wird dadurch vor die Entscheidung gestellt, entweder auf eine wertende Kommentierung zu den referierten Meinungen zu verzichten oder aber eindeutig Stellung zu beziehen, was einer geschichtswissenschaftlichen Untersuchung allerdings durchaus politischen Charakter verleihen kann. Löffler wählt den ersteren Weg, was zur Folge hat, daß die Positionen der einzelnen Akteure relativ unkommentiert bleiben. So liest man etwa S. 128f. von massiver Kritik am Stabilitätskurs Hans Tietmeyers, die unter anderem von Claus Noé (1938-2008) geäußert wurde, einem Staatssekretär im Bundesfinanzministerium unter Oskar Lafontaine. Die Einzelheiten werden S. 134f. in einem längeren Zitat aus einem Artikel in der „Zeit“ 45/1998 nachgereicht, wo Noé das Verhalten der Bundesbank als „vordemokratische, absolutistische Politik“ geißelte und Tietmeyer eine Disqualifizierung der Parlamente vorwarf, wie sie in der Weimarer Republik stattgefunden habe. Diese polemischen Äußerungen rufen Widerspruch natürlich geradezu hervor, zumal sie die Verfassungskonformität der Auffassung des Staatssekretärs in dieser Sache fragwürdig erscheinen lassen: Mit dem 38. Gesetz zur Änderung des Grundgesetzes war Ende 1992 bekanntlich die Unabhängigkeit der Bundesbank und die Sicherung der Preisstabilität als deren Aufgabe ausdrücklich im Grundgesetz festgeschrieben worden. Allein schon dadurch verbot und verbietet sich die von Noé geforderte Politisierung der Geldpolitik.
In einem brillant geschriebenen Aufsatz über „Pfund Sterling, Bank of England und britische Identität im 20. Jahrhundert“ (S. 169-197) vertritt Gabriele Metzler die Auffassung, daß es in den britischen Debatten über Euro und Pfund nicht um ökonomische Zusammenhänge gehe. „Vielmehr tradieren das Pfund und die Bank of England als genuin britische Institutionen spezifische Geschichtsbilder, in denen das gesellschaftliche und politische Selbstverständnis des Landes zum Ausdruck kommen.“ (S. 170) Insofern begreift die Verfasserin den „Euro als Katalysator europapolitischer Grundsatzdebatten“ (S. 169), womit die wohl treffendste Formulierung der Problematik in den Diskussionen über den Euro und den Beitritt zum Eurosystem in Großbritannien, Dänemark und Schweden vorliegt. Metzler macht zudem auf den wesentlichen Umstand aufmerksam, daß die gemeinsame Währung zusammen mit der Monarchie zentrales Symbol für den Zusammenhalt des Vereinigten Königreichs ist (S. 188). Gordon Brown konnte daher leicht die Sympathien auf seiner Seite wissen, wenn er sich immer wieder kritisch zu einem Euro-Beitritt äußerte (S. 182f., 186, 190).
Tobias Straumann nimmt sich eines weiteren interessanten Gebiets an: „Die Währungspolitik Schwedens und der Schweiz im 20. Jahrhundert“ (S. 199-223) lautet sein Thema. Nicht nur wegen gewisser Ähnlichkeiten der beiden nach der Bevölkerungszahl kleinen und lange laut der offiziellen Politik neutralen Länder drängt sich dieser Vergleich förmlich auf: Während man in der Schweiz die Weltwirtschaftskrise der 1930er Jahre als Ansporn für einen liberalen Neuanfang verstand, wurde sie in Schweden als Marktversagen interpretiert, das nur durch eine dirigistische Politik zu vermeiden wäre. Der Schweizer Franken blieb auf diese Weise im 20. Jahrhundert eine der starken Währungen der Welt, während der Verlust der Unabhängigkeit der schwedischen Reichsbank und die Finanzierung der Wirtschafts- und Sozialpolitik auf dem Wege der Geldschöpfung starke Abwertungen der schwedischen Krone zur Folge hatte, bevor man sich seit den 1980er Jahren aus wirtschaftlichen Gründen zur allmählichen Rückkehr zur Geldwertstabilität gezwungen sah. In der Gemengelage zwischen schwedischem Zentralismus und schweizerischem Föderalismus, den unterschiedlichen Ethnien, Konfessionen, Parteienlandschaften und wirtschaftlichen Strukturen lotet Straumann die Ursachen für diese stark unterschiedliche Politik sorgsam aus.
Im letzten Beitrag „Währungsordnung, Währungserfahrung und die politische Bedeutung der Krone im 20. Jahrhundert“ stellt Maria Köhler-Baur die einzige in dem Sammelband behandelte ehemalige Staatsbank vor, nämlich die der ehemaligen Tschechoslowakei. Köhler-Baur hebt dabei die enge Verbindung im öffentlichen Bewußtsein des nach dem Ersten Weltkrieg neu entstandenen tschechoslowakischen Nationalstaates mit der kurz darauf eingeführten Währung heraus. Im übrigen bietet der Aufsatz im wesentlichen eine nützliche Darstellung der unterschiedlichen Zäsuren in der tschechischen und slowakischen Währungsgeschichte, während Währungsbilder lediglich am Beispiel zweier zentraler Persönlichkeiten erörtert werden. Einerseits handelt es sich dabei um Alois Rašín (1867-1923), der als Finanzminister der ersten tschechoslowakischen Regierung die neue Währung einführte und damit wesentlich zur Stabilisierung des neuen Staates beitrug (S. 238-242). Andererseits gilt die Aufmerksamkeit der Verfasserin den marktwirtschaftlichen Reformen des heutigen Präsidenten der Tschechischen Republik, Václav Klaus, die dieser nach der „Samtenen Revolution“ von 1989 als Finanzminister durchgeführt hatte (S. 247-251).
Zwei Wünsche bleiben nach der Lektüre dieses Buches offen: Zum einen ist da der Wunsch „nach mehr“. Wenn keines der europäischen Mittelmeerländer behandelt wird, ist dies gerade in der aktuellen Krise bedauerlich, und eine entsprechende ergänzende Publikation wäre höchst willkommen. Zum anderen hält der Rezensent eine größere historische Tiefenschärfe für erstrebenswert – die Beiträge reichen selten in die Zeit vor dem 20. Jahrhundert zurück. Durch diese Beschränkung erscheinen die Währungskulturen insgesamt relativ statisch. Deren Dynamik wird erst deutlich, wenn man sich etwa vor Augen führt, daß ausgerechnet aus dem griechischen Raum die erste theoretische Begründung der Notwendigkeit wertstabilen Geldes überliefert ist (Aristoteles), während die Luxemburger in der mittelenglischen Literatur synonym für schlechte Münzen standen – eine Folge der Finanzierung der Königswahl Karls IV. aus dem Haus der Luxemburger im Jahr 1346 auf dem Wege massiver Geldentwertung.
Auf die Problematik solcher längerfristigen Entwicklungen verweist in dem Sammelband allerdings einzig Dieter Lindenlaub. Er stellt fest, daß ihm vor 1914 keine Nachweise unterschiedlicher Inflationsaversionen im europäischen Raum bekannt seien und hält deshalb die heutigen „nationalen Unterschiede der Inflationsaversion [für] eine relativ kurzfristige Erscheinung“ (S. 66f.). Dies ist eine ungemein wichtige Beobachtung. In Zukunft muß man sich wohl vermehrt der Bedeutung des Nationalstaatsgedankens für die Währungskulturen und die aufgrund der europäischen Gemeinschaftswährung in diesem Verhältnis auftretenden Veränderungen bewußt werden. Man wünscht sich dieses Buch daher nicht nur unter das Kopfkissen möglichst zahlreicher (geld-)politischer Entscheidungsträger, sondern kann die Lektüre auch jedem am Phänomen „Geld“ Interessierten uneingeschränkt empfehlen.
Uppsala universitet
Ekonomisk-historiska institutionen
Historiska institutionen
Institutionen för idé- och lärdomshistoria
Historikerprogrammet
Studiebesök på Uppsala universitets myntkabinett
Datum och tid: 2009-10-13 kl 13.15-16.00 (grupp 2), 2009-10-14 kl 09.15-11.00 (grupp 3), 2009-10-14 kl 13.15-16.00 (grupp 1)
Vi går igenom mynt- och penninghistoriens huvudlinjer från 600-talet f.Kr. fram till idag. I samband med detta visas utvalda mynt präglade av Alexander den store, Caesar, Brutus, Konstantin den store, Karl den store, Olof Skötkonung, Kristina och Gustav III samt medaljer, polletter m.m. ur Myntkabinettets samling. Samtidigt följer vi de mest väsentliga penningteorierna som man behöver känna till för att förstå penningväsendets utveckling. Avgörande betydelse i detta avseende har Aristoteles, som kom med världens första mera omfattande penningteori. Som lärare för Alexander den store tycks han även ha påverkat dess penningpolitik.
META. Medeltidsarkeologisk tidskrift 2005 Nr. 3 […], i: Geldgeschichtliche Nachrichten 41 (2006) 228, s. 151.
Recension
Mit Nanouschka Myrberg, Doktorandin bei Kenneth Jonsson in Stockholm, hat eine Numismatikerin die Redaktion eines Themenheftes der Zeitschrift für Mittelalterarchäologie übernommen, die vom Institut für Archäologie und Alte Geschichte in Lund herausgegeben wird. Die fünf Beiträge, die in diesem Themenheft versammelt sind, haben zum Ziel, die Stellung der Numismatik zwischen Archäologie und Geschichtswissenschaft auszuloten. Continue reading “META. Medeltidsarkeologisk tidskrift 2005 nr. 3” »
Fabian Wittreck: Geld als Instrument der Gerechtigkeit. Die Geldrechtslehre des hl. Thomas von Aquin in ihrem interkulturellen Kontext (Rechts- und Staatswissenschaftliche Veröffentlichungen der Görres-Gesellschaft, N.F. 100) […], i: Geldgeschichtliche Nachrichten 38 (2003) 215, s. 264f.
Recension
Per denarium intelligitur vita aeterna – Daß man durch die Münze zum Verständnis des Ewigen Lebens gelangen könne, hat Thomas von Aquin (1224/25–1274) um 1270 in Paris im Rahmen seiner Vorlesung über das Matthäus-Evangelium festgehalten (Zitat S. 498).
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Zwischen Aristoteles und Adam Smith. Preisverständnis und Preisbildung im Mittelalter, i: Diana Modarressi-Tehrani och Stephan E. Göthlich (utg.): A sectura ad suturam. Vom Zerteilen und Zusammenfügen. Tagungsband zum ersten Interdisziplinären Symposion der Stipendiatengruppe Kiel der Studienstiftung des deutschen Volkes (Kon.texte, 1), Münster 2007, s. 89-100.
