Die Vernetzung der wikingerzeitlichen Münzprägung im europäischen Raum und deren Bedeutung für die Definition von Herrschaftsräumen

Workshop „Raumbildung durch Netzwerke? Der Ostseeraum zwischen Kaiserzeit und Spätmittelalter aus archäologischer und geschichtswissenschaftlicher Perspektive„, Universität Kiel, Internationales Begegnungszentrum, 28. und 29. Oktober 2010: „Die Vernetzung der wikingerzeitlichen Münzprägung im europäischen Raum und deren Bedeutung für die Definition von Herrschaftsräumen“

Tagungsbericht von Stephan Meinhardt

Abstract

Was wäre geschehen, wenn die Wikinger Matthew Mullenwegs XFN (XHTML Friends Network) gekannt hätten oder wenn Mark Zuckerberg bereits vor 1000 Jahren gelebt und damals schon ein Facebook entwickelt hätte, das die Beziehungen zwischen den in der seinerzeit bekannten Welt lebenden Menschen abgebildet hätte? Auch wenn zu jener Zeit gewiß keine 500 Millionen registrierten Nutzer zusammengekommen wären, ließen sich – die Überlieferung des entsprechenden Materials vorausgesetzt – wohl zahlreiche interessante „internationale“ Kontakte aus den Datenbanken auslesen. In Ermangelung entsprechender Quellen ist man statt dessen gezwungen, die relevanten Daten aus der fragmentarischen Überlieferung zu rekonstruieren. Gerade für die Wikingerzeit läßt die Quellengrundlage dabei allerdings sehr zu wünschen übrig, zumal für den Ostseeraum. Es erweist sich daher als notwendig, die vorhandenen Quellen so sorgsam wie möglich auf Hinweise zu befragen, die Netzwerke zwischen einzelnen Personen und in der Verlängerung die Gestaltung von Herrschaftsräumen erkennen lassen. Dafür bieten sich die zeitgenössischen Münzen in besonderer Weise an. Sie sind zu Hunderttausenden in den Funden überliefert und gewähren dadurch einen intensiven Einblick in den hochgradig globalisierten Handel jener Zeit. Eine nähere Betrachtung dieses Materials läßt bis zu einem gewissen Grade auch die Menschen erkennen, die sich hinter diesen Sachzeugnissen verbergen. Dazu wird das Material auf drei Ebenen analysiert: Erstens steht das Münzbild im Vordergrund der Betrachtungen. Dabei werden unter anderem englische Vorbilder und skandinavische Nachahmungen, deutsche Vorbilder und slawische Imitationen sowie byzantinische Vorbilder und russische Entsprechungen einander gegenübergestellt, wobei sich nicht zuletzt Missionsräume erkennen lassen. Zweitens wird mit der Stempelkritik die wichtigste Methode der Mittelalternumismatik angewandt, um den Transport von Prägestempeln etwa zwischen England und Dänemark nachzuweisen, der im Zusammenhang mit der Personalunion zwischen beiden Reichen steht. Schließlich verhelfen drittens die auf den Münzen angegebenen Münzmeisternamen zu der Erkenntnis, daß nicht nur Prägestempel zwischen einzelnen Königreichen kursierten, sondern daß offenbar auch das fachkundige Personal der Münzstätten einer Luftveränderung nicht abgeneigt war. Auf der Grundlage dieser Untersuchungen zu den personalen Grundlagen der Ausübung des wohl wichtigsten Regalrechts gewinnt man überraschende Erkenntnisse über weiträumige Zusammenhänge zwischen den Herrschaftsräumen, die eine zentrale Bedeutung einzelner Personenverbände für deren Definition deutlich werden lassen.

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