Stefan Weiß: Rechnungswesen und Buchhaltung des Avignoneser Papsttums (1316-1378). Eine Quellenkunde

Stefan Weiß: Rechnungswesen und Buchhaltung des Avignoneser Papsttums (1316-1378). Eine Quellenkunde (Monumenta Germaniae Historica. Hilfsmittel, 20) […], in: Geldgeschichtliche Nachrichten 40 (2005) 223, pp. 154sq.

Review

In den Jahren 1309-1376 residierten sieben aufeinander folgende Päpste in Avignon: Clemens V. (1305-1314), Johannes XXII. (1316-1334), Benedikt XII. (1334-1342), Clemens VI. (1342-1352), Innozenz VI. (1352-1362), Urban V. (1362-1370) und Gregor XI. (1370-1378). Der erste der Avignoneser Päpste und vormalige Erzbischof von Bordeaux, Clemens V., hatte aufgrund der Unruhen in Rom darauf verzichtet, sich nach Italien zu begeben und dies trotz gegenteiliger Bekundungen während seines neunjährigen Pontifikats auch nicht mehr getan. 1309 gelangte er nach Avignon, das jedoch erst unter seinem Nachfolger Johannes XXII. zur permanenten Residenz wurde, wodurch das Reisepapsttum der vorhergehenden beiden Jahrhunderte endete. Diese Entwicklung begünstigte die Ausbildung und Überlieferung einer umfassenden Buchführung: Mit dem Jahr 1316 setzt eine fast ununterbrochene Reihe von Abrechnungsbüchern ein, in denen die Einnahmen und Ausgaben der päpstlichen Kammer festgehalten sind.

Der quellenkundlichen Analyse dieser Abrechnungsbücher ist die vorliegende Untersuchung von Stefan Weiß gewidmet. Sie soll einen Beitrag zur mittelalterlichen Buchhaltungsforschung leisten und damit diesen gegenüber der Erforschung des Urkundenwesens lange vernachlässigten Bereich verstärkt ins Blickfeld rücken. Ziel der Arbeit ist es zu erklären, mit welcher Buchungstechnik es dem Papsttum möglich war, in der avignonesischen Epoche eine äußerst effektive fiskalische Ausnutzung der Gesamtkirche zu erreichen (Einleitung, S. 1-8).

Im Hauptteil des Bandes untersucht der Verfasser die Abrechnungsbücher, die er zumeist einzeln für jedes Pontifikatsjahr der Avignoneser Päpste behandelt („Die Hauptbücher der Apostolischen Kammer von 1316-1378“, S. 9-175). Die unvermeidlichen Längen einer solchen Darstellung werden immer wieder durch interessante Bemerkungen aufgelockert. So erfährt der Leser etwa, daß sich von Benedikt XII. an der Standort des päpstlichen Schatzes genauer bestimmen läßt: Der eine Teil befand sich über dem Schlafzimmer des Papstes, der andere wurde in Truhen verwahrt, die in den Keller desselben Gebäudes eingelassen waren. (S. 13, Anm. 17). Der Kämmerer schlief unmittelbar unter dem Schlafzimmer des Papstes, der über eine direkte Treppe zu ihm gelangen konnte (S. 69). Die Kammerakten verwahrte der heilige Vater dagegen in seinen eigenen Wohnräumen (S. 153). Auch die Existenz einer päpstlichen Privatkasse wird diskutiert, deren Abrechnungen zwecks Geheimhaltung von den allgemeinen Rechungsbüchern getrennt waren (S. 20-23). Weiß hat außerdem zahlreiche Approbationszeichen registriert, die von internen Kontrollvorgängen zeugen, die Rechenfehler und Betrügereien unter den Buchhaltern verhindern sollten (S. 32; 49f.). Auch der genaue Arbeitsablauf in der päpstlichen Kammer hat sich rekonstruieren lassen: Zunächst wurde ein Konzeptzettel mit der betreffenden Buchung verfaßt, dessen Inhalt durch den Hauptschreiber in das Hauptbuch übertragen wurde, das man an den Rechenmeister übergab, der die Eintragssumme ermittelte und das Buch an den Hauptschreiber zurückgab, der seinerseits die Summe eintrug… (S. 44f.). Trotz aller Penibilität der Einträge wurden allerdings erst ab Benedikt XII. Bilanzen erstellt, also Einnahmen und Ausgaben gegeneinander aufgerechnet (S. 66). Unter Clemens VI. erfolgte eine andere Neuerung: Neben den systematischen Abrechnungsbänden sind nunmehr chronologische Verzeichnisse erhalten (S. 90f.). Durch den Kauf der Stadt Avignon unter Clemens erschien nun auch ein neuer Einnahmentitel, nämlich die Abgaben des Bistums (S. 117). An anderer Stelle sind ein Leihgeschäft und die Geldentnahme aus dem päpstlichen Schatz beschrieben, die für den Ankauf Avignons notwendig waren (S. 129 und 132). Die bedeutenden Summen, die dem Schatz entnommen wurden, tauchen in den Hauptbüchern nicht auf. Der Verfasser hat festgestellt, daß so nur zwei Fünftel der Ausgaben dort verzeichnet sind und dieses Gebaren als „kreative Buchführung“ bezeichnet („Wo blieb das Geld Benedikts XII? Kreative Buchführung unter Clemens VI.“ S. 118-135). Gemeinsam mit weiteren Ausgaben wurde auf diese Weise unter Clemens VI. der Schatz des Vorgängers großenteils erschöpft, so daß künftige Zahlungen nur durch Steuererhöhungen finanziert werden konnten. Weiß spricht daher davon, daß „sich sein Pontifikat als Wendepunkt der Finanzgeschichte des gesamten Avignoneser Papsttum[s]“ erwiesen habe (S. 135). Aufgrund der Finanzprobleme wurde ein schnellerer Takt der Bilanzierungen notwendig, die man unter Innozenz VI. nicht mehr jährlich, sondern monatlich durchgeführt hat (S. 141). Kreditaufnahmen und Verkäufe von Wertgegenständen aus dem Papstschatz mehrten sich (S. 148). Papst Urban V. versuchte schließlich, nach Rom zurückzukehren. Während der dazu notwendigen Reise wurde die Kammer aufgeteilt, und man legte Kopien der Kammerakten an, die mit nach Rom genommen werden konnten (S. 159-166). Ähnliches geschah nach Urbans gescheiterter Reise auch unter dessen Nachfolger Gregor XI., der 1376 nach Rom aufbrach und nicht mehr nach Avignon zurückkehrte (S. 173-175).

In einem zweiten Teil („Die Stellung der Hauptbücher im Gesamtsystem der päpstlichen Buchführung“, S. 176-199) werden die Hauptbücher in den Zusammenhang mit anderen Kammerakten gestellt und einzelne übergreifende Aspekte wie „Alltags- und Großeinkäufe“ (S. 176f.) sowie „Ein- und Auszahlungen“ (S. 183f.) herausgestellt. Nach der Zusammenfassung („Ausblick“, S. 200f.) schließt ein „Verzeichnis der päpstlichen Hauptbücher“ an, dem sich Signaturen, Formate und knappe Angaben zum Inhalt sowie zur Edition entnehmen lassen (S. 202-246). Durch Register der zitierten Handschriften sowie der Namen und Orte wird der Band abgeschlossen.

Von numismatischem Interesse sind die Angaben zu den unterschiedlichen Münzen, die aus ganz Europa nach Avignon flossen und dort verrechnet werden mußten, wodurch sich wichtige Informationen zu den mittelalterlichen Wechselkursen gewinnen lassen (S. 30). Auch die Mitteilung, daß der Papstschatz aus verschiedenen Währungen bestand (S. 119; vgl. auch S. 137, Anm. 538) und zum Zeitpunkt der Abreise Gregors XI. nach Rom ausschließlich aus Münzen der Könige von Frankreich und Aragon sowie des Herzogs von Anjou bestand, die mit ihren Krediten die Romreise finanzierten (S. 174), zeigen interessante geldgeschichtliche Aspekte auf. Erhellend für das Verständnis der Verwendung von Münzen sind auch die Ausführungen über die Auszahlungen an die Inhaber kurialer Ämter: Die Zahlungsbeträge waren in großen Turnosen je Tag festgesetzt; die Auszahlungen erfolgten jedoch in Viennensern. Um den real auszubezahlenden Betrag zu ermitteln, mußte also die Anzahl Viennenser noch einmal mit der Tageszahl multipliziert werden. Für diesen mathematischen Vorgang hatte man Tabellen angelegt, der sich die entsprechenden Beträge für bis zu 56 Arbeitstage entnehmen ließen. Aufgrund des wechselnden Kursverhältnisses von Turnosen zu Viennensern konnten solche Tabellen jedoch nicht allzu lange Verwendung finden. Daß die Tabellen dennoch angelegt wurden, hat Weiß überzeugend als einen Beweis für die geringe Übung in der Rechenkunst angeführt (S. 194f.). In der päpstlichen Rechnungsführung vermied man das Problem unterschiedlicher Währungen bei der Summierung seit Gregor XI. durch die Berechnung in reinem Rechengeld (S. 169). Schließlich ist noch zu bemerken, daß auch die Existenz der päpstlichen Münzstätte, die sich zunächst in Sorgues befand und um 1354 nach Avignon verlegt wurde, ihren Niederschlag in den Abrechnungen gefunden hat (S. 131).

Die Quellenkunde von Stefan Weiß ist die erste monographische Untersuchung zur „accounting history“ seit der lange veralteten „Geschichte der Buchhaltung in Deutschland“ von Balduin Penndorf, die 1913 in Leipzig erschienen ist (Nachdruck Frankfurt am Main 1966). Allein dadurch ist sie künftig Pflichtlektüre in diesem Forschungsgebiet. Die zahlreichen Detailinformationen machen die Arbeit jedoch u.a. auch für Numismatiker interessant.

Hendrik Mäkeler